Annette Juretzki: "Blind: Sternenbrand 1"

 

GENRE: Hier handelt es sich um eine gelungene Mischung aus Gayromance und Science Fiction. Wer keine Gayromance oder kein Sifi mag, wird hier nicht glücklich. Wer jedoch beides mag, findet hier eine ausgewogene Mischung. Ein Hauch Krimi zum Mitraten ist ebenfalls eingeflochten.

STORY: Es ist keine leicht durchschaubare Geschichte, bei der man schon nach dem ersten Absatz das Ende erahnen kann. Hier wird man Stück für Stück in die Story eingeführt, die mit vielen Wendungen durch zwei Bände führt. Zuerst lernen wir Xenen kennen, dessen rückständiger Stamm sich gar nicht bewusst ist, auf welcher Technologie und welchen Geheimnissen sie sitzen. Erst durch das Raumschiff Keora, dessen Besatzung auf der Suche nach Antworten ist, kommt alles ins Rollen. Die fremden Eindringlinge möchten die Hintergründe einer Invasion aufdecken und benötigen dafür die Hilfe von Xenen, der wiederum von dem großen Universum jenseits seines bescheidenen Dorfes fasziniert ist. Nach und nach finden wir heraus, wer auf dem Schiff sonst noch so seine eigene Motivation hat und sein eigenes Süppchen kocht.

WELT: Wir befinden uns tief im Weltraum, vor Xenens Heimatplaneten. Großteil der Handlung spielt auf dem Raumschiff, man bekommt aber auch einen Einblick in die Heimatwelten der Besatzung und die Regeln, die im Universum vorherrschen. Die Mannschaft setzt sich aus verschiedenen Spezies zusammen, die alle außergewöhnlich und originell, aber dennoch realistisch sind. Auch der wissenschaftliche Teil macht einen (soweit ich das beurteilen kann) sorgfältig recherchierten Eindruck.

STIL: Hier erlebt man einen ausgefeilten Stil, mit bildhafter, metaphorischer Sprache. Anfangs muss man sich an die Beschreibungen der neuen Umgebung und der zahlreichen Figuren gewöhnen, aber wenn man erst mal eingetaucht ist, regt es einen sehr zum Nachdenken an. (Als Urlaubslektüre eher ungeeignet, nach paar Caipirinha wird man nicht mehr folgen können ;-P) Ich würde es definitiv zu anspruchsvollerer Lektüre zählen. Erzählt wird abwechselnd aus Personaler Perspektive, nah an den drei Hauptfiguren, die alle ihre eigenen, unterschiedlichen Sichtweisen haben. Die Besatzungsmitglieder bedienen sich dafür gelegentlich einer unverblümten Umgangsform untereinander.

FIGUREN: Zuerst haben wir den lebhaften, menschlichen Xenen, der auf einem rückständigen Planeten lebt, sich jedoch mit so viel Liebenswürdigkeit für alles begeistert, dass man ihn sehr schnell ins Herz schließt. Im Bezug auf Technik mag er sehr naiv sein, doch im Bezug auf Männer ist er nicht ganz so leichtgläubig, auch wenn er sich sehr von seinen Gefühlen leiten lässt. Von den zahlreichen Besatzungsmitgliedern der Keora lernt man hauptsächlich den menschlichen Anführer und den außerirdischen Zeyn tiefer kennen, den es beiden nicht an Dickköpfigkeit, Selbstbewusstsein und Testosteron mangelt. Während der Mensch nicht immer mit Menschlichkeit glänzt und der wilde Krieger nicht immer so wild ist, kann man mitverfolgen, wie sie stets aneinandergeraten und nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen ihre inneren Dämonen kämpfen (und dabei meistens verlieren).

LOVE: Eine Romanze steht nicht vordergründig im Zentrum, die erotischen Szenen sind eher Dezent. Dennoch sind die Männer keineswegs prüde. Der junge Xenen begeistert sich vom ersten Moment für den charmanten Captain, freundet sich aber auch bald mit dem aufbrausenden, fremdartigen Zeyn an. Zwischen den ohnehin schon konkurrierenden Männern entsteht dadurch noch mehr Rivalität, auch wenn sie beide erst langsam tieferes Interesse an dem liebenswerten Xenen entwickeln.

FAZIT: Keine seichte Romanze. Die Geschichte behandelt Themen wie Religion, Xenophobie, eigene Identifikation, Gruppendynamik, Bedeutung von Geschichte und Ideologie, Moral und sogar Linguistik und bietet Blickwinkel auf unsere Spezies von einer Perspektive, in der alles nicht mehr so einfach und selbstverständlich erscheint, wie wir es gewohnt sind. Ein Buch, das anregt, mal darüber nachzudenken, wie eingeschränkt unser Blick auf unsere Herkunft und unsere Bedeutung ist. Sehr lesenswert, besonders wenn man etwas Anspruchsvolleres möchte. Ich freue mich auf den zweiten Teil, der ebenfalls schon erschienen ist.

DATA: In zwei Bänden abgeschlossen. Teil 1 endet mit Cliffhänger, daher besser beide hintereinander lesen. Die Cover sind dezent und elegant, innen mit Sorgfalt gestaltet. (Als Taschenbuch und ebook, Band 1: 494 Seiten, Traumtänzer-Verlag, Juli 2017)

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